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Wanja Teil 4 ... nur mal so!

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  #1  
Alt 19.06.2011, 22:10
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Hueter der Heilenden Quellen
 
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Wanja Teil 4 ... nur mal so!

Hallo, Leute, hier habe ich etwas, an dem ich seit ein paar Wochen arbeite: Teil 4 von canis lupus niger. Mit Teil 3 komme ich gerade nicht richtig weiter. Der Einstieg ist ein bisschen klischeehaft (so "back-to-the-future"-mäßig), aber ich hoffe, dass ich das im Verlauf der Geschichte noch heilen kann.

Falls jemand Lust hat, mal drüber zu lesen: Bitte macht mir die Freude!

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Wanja stand im Hof bei den Ställen und bürstete sein junges schwarzes Pferd, als der Bote mit seinen zwei Dienern eintraf. Die Stallknechte hatte er fort geschickt, als ihm ihre aufdringliche Hilfsbereitschaft lästig wurde. Er musste das Tier selber pflegen, um die nötige Nähe zu ihm herstellen zu können. Wenn er dem Tier künftig sein Leben anvertrauen wollte, mussten sie wie ein Lebewesen mit einem Verstand und einem Herzen sein. Auch wenn der schwarze Hengst niemals den Platz in seinem Herzen ausfüllen konnte, den sein Vater inne gehabt hatte, so musste er doch in dessen Aufgaben hinein wachsen. Und so pflegte und schulte Wanja das junge Tier täglich selber mehrere Stunden und hatte an dessen Liebenswürdigkeit, Eifer und frischer Kraft große Freude.

Der vornehme Reiter und seine Begleiter kamen in den Burghof geritten und der Mann in den Farben des Lehens Wilderstadt sah sich mit mürrischem Gesichtsausdruck um. Sein Blick fiel auf Wanja und er rief herrisch:
"He, du da! Nimm uns die Pferde ab und versorge sie anständig. Und sag uns, wo wir deinen Herrn finden!"
Wanja sah sich die Männer aufmerksam an. Er kannte keinen von ihnen und ihre Art behagte ihm nicht. Also erklärte er bedächtig, soweit er wisse, sei sein Herr in der Hauptstadt Hohenstein. Dabei nahm er die Zügel der drei müden Pferde entgegen. Der einzige, den Wanja als seinen Herrn anerkannte, war König Karl von Hohenstein. Der fremde Ritter machte ein finsteres Gesicht.
"In Hohenstein? Wieso denn das? Was mache ich denn jetzt mit meiner Botschaft? Ist wenigstens die Gräfin zu Hause?"
Ja, die sei in der Tat hier in Wolfsburg, erklärte Wanja, dem die Sache zunehmend Spaß machte. Ohne ein Wort wandte sich der Bote ab und stapfte zum Bergfried hinüber, wo er die Treppe zum großen Portal hinauf stieg. Seine Diener rissen ihre Satteltaschen an sich und eilten ihrem Herrn nach. Lächelnd rief Wanja nach seinem Stallmeister und trug ihm auf, für die Pferde der Gäste gut zu sorgen. Dann schwang er sich auf den Rücken seines neuen Pferdes und ritt es zur Weide hinunter. Liebevoll kraulte er dem Tier den Hals unter der dicken Mähne, als es dort neben ihm stehen blieb, statt zu seinen Artgenossen zu laufen und bei ihnen zu grasen.
"Du bist schon ein feiner Kerl", murmelte Wanja. Er seufzte. Das Tier konnte nichts dafür, dass es nicht sein Vater war. Mit dem Zaum über der Schulter verließ er dann die Weide, um sich dem fremden Ritter und dessen Botschaft zu stellen, … und Valerias Zorn darüber, dass er mit dem Mann einen Scherz getrieben hatte.
An der Brücke über die Wense blieb er jedoch wieder stehen. Von der Arbeit dieses warmen Tages war er schmutzig geworden. Ein Bad würde ihm gut tun und Valerias Unmut vielleicht ein wenig mildern. Deshalb lief er zu der seichten Uferstelle hinüber, an der er oft zu baden pflegte. Schnell hatte er sich seiner Kleider entledigt und tauchte genüsslich in das Wasser. Er schwamm einige Male über den Fluss und zurück, dann tauchte er auf den Grund und holte sich eine Handvoll des reinen weißen Sandes herauf, mit dem er sich sorgfältig abscheuerte. Das wiederholte er einige Male, bis er sich völlig sauber fühlte. Dabei ging ihm der fremde Bote jedoch die ganze Zeit nicht aus dem Sinn. Ein Mann aus Wilderstadt, was konnte der nur für Nachricht bringen? Wolfsburg hatte mit Wilderstadt nichts zu tun, dafür lagen die Lehen einfach zu weit auseinander. Man traf sich einmal im Jahr auf dem Turnier, mehr nicht. Und dass der junge Ritter Wanja nicht erkannt hatte, sprach dafür, dass sein Herr ihn noch nicht mit dorthin genommen hatte. Es war ein sehr junger und unerfahrener Mann, nicht der bewährte und geschätzte Ritter, den man für einen wichtigen Auftrag ausgewählt hätte. Es konnte sich bei der Botschaft deshalb um nichts Bedeutsames handeln.

Darum hatte Wanja auch keine Bedenken, sich noch ein bisschen im Fluss treiben zu lassen. Es war so still und friedlich an diesem lauen Frühlingsabend. Im Mühlteich und an den mit Schilf bestandenen Ufern des Flusses quakten die Frösche, einige liebestolle Stare schmetterten unermüdlich ihre Lieder und selbst die Nachtigallen, welche in den Weiden entlang der Dorfstraße wohnten, rüstete sich bereits für ihr nächtliches Werben. Dennoch, ... nun wurde es Zeit für das Nachtmahl. Wanja ließ sich unter der Brücke hindurch treiben, um zu seiner Kleidung zurück zu kommen. Doch in dem Augenblick, da er unter dem steinernen Bogen hervor kam, fiel ein großer dunkler Schemen von oben herab, dem er nicht mehr ausweichen konnte. Das wäre auch nicht weiter schlimm gewesen, denn es handelte sich um etwas zwar Schweres, aber Weiches, … einen Ballen Tuch? Aber der Aufprall drückte Wanja unter die Wasseroberfläche und die kräftige Strömung wirbelte ihn ausgerechnet so herum, dass sein Kopf gegen einen großen Stein schlug, welcher hier im Flussbett lag. Der Aufprall klang in Wanjas Ohren erstaunlich laut, so dachte er noch verwundert, dann wusste er nichts mehr. Mit einer blutenden Wunde am Hinterkopf wurde er flussabwärts getrieben.

Als er nach vielen schwarzen Stunden auf dem Bauch liegend wieder erwachte, spürte er neben dem Schmerz von der großen Platzwunde zunächst nur Erleichterung darüber, dass noch lebte. Besorgt tastete er nach der Verletzung. Eine Hand hielt jedoch die seine auf.
"Bleib ganz ruhig liegen, Wanja! Es ist alles in Ordnung. Du bist im Lager und in Sicherheit. Aber diese Wunde muss in Ruhe verheilen, also lass deine Finger davon."
Wanja erstarrte. Diese Stimme …
"Mutter?", fragte er ungläubig. Er versuchte, sich aufzusetzen, um sie anzusehen, doch Kopfschmerz und Übelkeit nahmen ihm die Kraft dazu. Auch drückten die kräftigen Hände seiner Mutter seine Schultern entschlossen auf das Bett zurück. Er drehte deshalb nur seinen Kopf halb zur Seite. "Wie, … wie kommst du denn hierher?"
"Wie du hierher kommst, solltest du dich lieber fragen, mein Junge. Deine Freunde brachten dich ohne Besinnung ins Lager zurück. Du hattest schon wieder den Rappen deines Vaters genommen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen. Das entsprechende Donnerwetter dafür wird Dir nicht erspart bleiben."
"Was?" Lager? Vater? Erlaubnis? Irgendetwas stimmte hier nicht.Verwirrt fasste sich Wanja an den dicken Verband, der um seinen Kopf lag. Viel zu lange Haare hingen darunter hervor. Auch fühlte sich sein ganzer Körper seltsam an, ungewohnt. "Was ist passiert?"
"Nun, entweder bist du vom Pferd gefallen, was dir den Spott aller deiner Freunde und Geschwister eintragen würde, oder aber du hast dich schon wieder auf eine Rauferei mit irgendwelchen Unbekannten eingelassen. Niemand weiß das. Deine Freunde fanden dich draußen im Grasland, das Pferd neben dir. Das spricht immerhin dagegen, dass es die Illuren waren, denn die hätten dich nicht am Leben gelassen und auch das Pferd nicht dort stehen lassen."
"Es … es gibt doch gar keine Illuren mehr in Amudaria." Wanja stöhnte noch einmal. War er denn jetzt verrückt geworden? Er konnte überhaupt nicht in Amudaria sein. Was war das alles denn nur für ein Unsinn?
"Das wäre schön, wird aber ein vergeblicher Wunschtraum bleiben, fürchte ich. Vielleicht bist du von dem Schlag auf den Kopf noch verwirrt. Bleib darum vorerst ganz ruhig liegen und werde wieder gesund. Deine Schwierigkeiten holen dich früh genug ein. Ich will nur eben etwas für dich zu Essen besorgen." Warinia Bajarin strich ihrem Sohn über die Wangen und verließ das Zelt. Erstaunt sah Wanja ihr nach. Sie war in all den Jahren nicht ein bisschen gealtert Ihre Bewegungen waren noch geschmeidig, ihre Haut so glatt und ihr Haar so schwarz wie an dem Tag, als Wanja den Clan verlassen hatte. Und das brachte ihn wieder zu der Frage, wie er nach Amudaria zurück gekommen sein konnte. Die Reise dauerte selbst mit dem schnellsten Pferd mehrere Wochen. So lange konnte er durch einen einfachen Schlag auf den Kopf nicht besinnungslos gewesen sein. Irgend etwas stimmte hier ganz und gar nicht! Und er musste herausfinden, was das war.
Mühsam setzte er sich auf und sah sich um. Ja, dies war ein amudarisches Zelt. Genau genommen ähnelte es jenem völlig, in dem er als junger Mann mit seinen Brüdern gewohnt hatte. Waren seine Eltern vielleicht zu Besuch nach Wolfsburg gekommen? Das würde Manches sinnvoll erklären. Mit weichen Knien stand Wanja auf, gegen den Brechreiz ankämpfend. Wie gut, dass sein Magen leer war! Doch der Schwindel hätte ihn beinahe zu Boden stürzen lassen, wenn der Mittelpfosten des Zeltes ihm nicht rettenden Halt gegeben hätte. Einige Augenblicke rang Wanja nach Luft und versuchte seinen Kopf wieder zu klären. Was ihn aber vollends aufrüttelte, war plötzlich der Anblick seiner eigenen Hand am Pfosten. Das war nicht die Hand eines erwachsenen Mannes! Erschüttert hob Wanja seine beiden Hände vor sein Gesicht. Das waren die Hände eines Halbwüchsigen. Und die Narbe am rechten Handgelenk war auch nicht mehr zu sehen. Er sah an sich herunter. Auch der Rest seines nackten Körpers entsprach dem Äußeren eines sechzehn- oder siebzehnjährigen Burschen.
"Das ist doch nicht möglich", flüsterte er. "Ich muss träumen." Aber konnten Träume sich so wirklich anfühlen? Konnte man in ihnen Schmerzen haben, ohne aufzuwachen, haarige Rinderfelle unter den Füßen spüren? Oh Mist! Konnte man sich übergeben, ohne aufzuwachen? Als die Magenkrämpfe vorüber waren, hielt sich Wanja erschöpft wieder am Pfosten fest und wischte sich den Mund ab. Er hatte wohl doch keinen leeren Magen gehabt. Sein Kopf brummte wie ein Wespennest. Nach einem tiefen Atemholen taumelte er zum Zelteingang, um hindurch zu sehen. Da war kein Wolfsburg weit und breit! Er hatte es eigentlich auch nicht mehr erwartet. Zelte reihten sich an Zelte, Hunderte von ihnen! Dazwischen bewegten sich unzählige Menschen, Bajaren. Viele, nein, alle von ihnen kannte er. Pferde standen halb schlafend vor den Zelten, Hunde streunten herum. Dies war eines der Sommerlager seiner Familie! Er würgte wieder, aber das Erbrechen blieb ihm erspart. Verzweifelt klammerte er sich an die lederne Türklappe des Zeltes. Was war nur mit ihm geschehen? Was war aus seinem Leben geworden, aus seiner Valeria, aus seinen Kindern?

"He, Wanja!" Ein groß gewachsener junger Mann trat auf ihn zu und fasste ihn besorgt am Arm. Wanja starrte ihn an wie einen Geist. Es musste ein Geist sein, denn sein Bruder Alexander war vor vielen Jahren von Illuren getötet worden. "Dein Gesicht ist weiß wie Schnee. Was hältst du davon, wenn du dich wieder ins Bett legst. Mutter sagt, dieses Mal hätte es dich ziemlich ernst erwischt. Hier draußen gibt es nichts zu sehen, was du noch nicht kennst. Der Spaziergang hat also noch Zeit."
"Alex?", krächzte Wanja fassungslos.
"Ja, der bin ich." Alexander lächelte. "Gut, dass du dich an mich erinnerst. Du bist bestimmt bald wieder der Alte. Wenn du schön brav bist und dich wieder hinlegst."
Unerbittlich schob Alexander Wanja ins Zelt zurück und zu seinem Lager. Dort angekommen drückte er ihn darauf nieder. Wanja gab nach. Er hatte gar keine Wahl, denn sein Bruder war zehn Jahre älter als er und viel kräftiger. Er beugte sich vorn über und umklammerte ächzend seinen Kopf. Mitfühlend setzte Alexander sich neben ihn und legte ihm einen Arm um die Schultern.
"Na, ist wohl gerade alles ein bisschen viel, was?"
"Du hast ja keine Ahnung!", murmelte Wanja.
"Was ist denn passiert?"
"Ich weiß es nicht", wiederholte Wanja, was er auch seiner Mutter schon erklärt hatte. "Ich kann mich nicht erinnern."
"Das kommt schon wieder. Bei Kopfverletzungen passiert so was manchmal. Bleib liegen und ruhe dich aus. Vater macht dir noch früh genug die Hölle heiß."
"Ich kann nicht." Wanja hob den Kopf und starrte seinen Bruder an. Es gab so viel, das er ihm gerne gesagt hätte. Doch Alex war tot. Er würde nie wieder mit ihm sprechen können. Dies war nur ein verrückter Traum.
"Wanja, ich weiß, dass es dir schwer fällt, im Bett zu liegen, wenn du krank bist. Aber dieses Mal muss es ganz bestimmt sein." Alexander lächelte wieder. "Schon allein, damit du dieses kleine Missgeschick da vorne nicht selber beseitigen musst. Du legst dich in dein Bett und ich mache das sauber. Einverstanden?"


Tja, so weit, so gut.
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canis lupus niger heißt auf Latein "Schwarzer Wolf"

Geändert von Hobbyschreiber (21.06.2011 um 14:47 Uhr).
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  #2  
Alt 21.06.2011, 01:01
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Orendarcil Orendarcil ist offline
Vampirjaeger
 
Registriert seit: 01.2010
Beiträge: 317
Hi,

die einzige Kritik die ich hier nur habe ist, dass ab und an mal ein bissle sperrige Forumlierungen drin sind. Dort musste man es statt einmal zweimal lesen und hier und da war auch mal ein Satz scheinbar an der falschen Stelle.
Wegen dem Fluss... also aus Erfahrung weiß ich, dass die reichlich eisig sind, von genüßlich drin baden wäre also nicht die Rede, vor allem nicht im Frühling und am Abend, wenns schon kühler wird.

Ist das eigentlich der direkte Anfang der Geschichte? Also Buch auf und der erste Satz wäre auch der erste hier eingestellte?
Wenn ja dann ist das so ein bissle...mh... seltsam (mir fällt grad das Wort nicht ein, was ich schreiben will). Es wirkt so, als könne man Band 3 beim letzten Satz schließen und nahtlos bei Band 4 weiterlesen... das gefällt mir nicht so. Ich würde mir einen netteren Anfang wünschen ;-)

Wird das mit dem Boten eigentlich nochmal verwendet oder wird es einige Zeit in der Vergangenheit spielen?
Wenn es länger in der Vergangenheit spielt würd ich schon fast da i.wo anfangen mit der Geschichte, denn ich als Leser frage mich dann schon allein wegen seiner Verwirrtheit: "Was zum Henker ist da los? Das muss ich jetzt wissen" und weiterlesen.
Was davor geschehen ist kannst du dann später einbauen, wenn seine Erinnerungen zurückkehren oder er in der Realität wieder aufwacht.
Ist es jedoch nur so ein kleiner Einschub, ist es besser so wie es ist^^

Insgesamt ist es gut und mit ein bissle feilen an manchen Sätzen wirds bestimmt noch besser.
Über den Inhalt kann ich nix sagen... da ich keine Ahnung hab worum es geht.

Wenn ich i.wann mal wieder Zeit zum Lesen habe, kannst du dir jedoch sicher sein, dass ich mir dein erstes Buch mal zulegen werde
Mittlerweile bin ich doch recht neugierig muss ich zugeben

Viele Grüße


PS:Schau mal bei den PNs
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"Vieles geht dahin und stirbt, doch die Wahrheit bleibt,
auch wenn sie oft im Verborgenen liegt und schweigt."

"Luzifer"[dark-Fantasy]- freue mich über eure Meinung zu der Story

Romanarchitekten
(ein Forum für Textarbeit, Hilfe u. Kritik beim Plot, Schreibtechniken, Infos über Verlage & Agenturen uvm.)
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  #3  
Alt 21.06.2011, 08:00
Lúthien Yávëtil Lúthien Yávëtil ist offline
Inspirator aller Magier
 
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Beiträge: 1.877
Mir gefällts, vor allem zum Ende hin baut sich immer mehr Spannung auf. Ich hab jetzt zwar nicht alles von Wanja gelesen, aber genug, um mich zu fragen, wie er wohl in der Vergangenheit zurecht kommt. (Ich vermute jetzt einfach mal, dass es kein Traum ist ^^)

Nicht so gut finde ich nur den ersten Absatz über das Pferd, da sind ein oder zwei Wiederholungen drin. Das könntest du etwas "knackiger" formulieren
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  #4  
Alt 21.06.2011, 14:37
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Hobbyschreiber Hobbyschreiber ist offline
Hueter der Heilenden Quellen
 
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Hallo, Ihr beiden,

Danke für Eure Statements. Ja, die holperigen und zu langen Sätze, die sind die dunkle Seite meines Charakters, wie Ihr wisst. Aber der Text ist erst in der Rohfassung und muss ohnehin noch zwanzigtausendmal überarbeitet werden.

Es handelt sich tatsächlich um den direkten Beginn des Buches. Ich werde mir Eure Ratschläge zu Herzen nehmen und wie in Band zwei und drei an den Anfang einen Überblick über die vorangegangenen Ereignisse setzen, damit man auch dieses Buch lesen und genießen kann, ohne die anderen zu kennen. Es ist schwierig, das hinzukriegen, ohne dass es langweilig wird ...
Das mit dem gemütlichen Bad im Fluss, ... ok, das ist vielleicht grenzwertig, vor allem aus der Sicht heutiger Leser. Andererseits hat meine damals sechsjährige Tochter auch schon mal mit ihrer Freundin an einem milden Februartag ein Bad in unserem Bach genommen (bis zum Hals!!! Brrr!). Auch waren die Komfortansprüche im Mittelalter ja noch nicht so hoch wie heute. Wanja stammt aus einer Gegend, die ich mir so ähnlich vorstelle, wie das wirkliche Sibirien, und daher ist noch ein wenig mehr abgehärtet, als die Mehrheit. Und im Mai kann es auch schon ganz schön warm sein.

Die Geschichte soll tatsächlich fast vollständig in der Vergangenheit spielen. Dieses Buch ist Wanjas Jugend, seiner Familie und der Kultur der Amudaren gewidmet sein. Erst am Ende greife ich den Faden aus dem ersten Kapitel in der Gegenwart wieder auf. Die Frage, ob Traum oder Wirklichkeit, und was das Ganze soll, und ob und wie er je wieder in sein wirkliches Leben zurückkehren kann, zieht sich durch die ganze Geschichte und treibt Wanja in ziemliche Depressionen. Ich werd aber nicht verraten, wie es ausgeht! Den Schluss habe ich jedenfalls schon geschrieben und finde ihn ganz gelungen. Jetzt fehlen mir nur noch so dreihundert Seiten im Mittelteil. Allerdings habe ich die Hälfte schon im Entwurf fertig, und den Rest stichwortartig als Plot. Ich schreib ja immer erst alles von Hand, weil ich da spontaner meine Ideen festhalten kann. An einem guten Tag schaffe ich ein bis eineinhalb Schulhefte. Aber so gute Tage habe ich ncht oft.

Die PN habe ich auch schon gelesen. Danke schön Orendarcil!

LG

H.
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Geändert von Hobbyschreiber (21.06.2011 um 14:56 Uhr). Grund: Warum fallen mir diese blöden Tippfehler bloß immer erst auf, wenn ich auf "Speichern" gedrückt habe?
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  #5  
Alt 10.07.2011, 23:47
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Hobbyschreiber Hobbyschreiber ist offline
Hueter der Heilenden Quellen
 
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Noch ´n bisschen mehr

Ist nicht schön, aber vielleicht wegen der vielen vergangenen Zeit verzeihlich. Wenn nicht, löscht es bitte weg, liebe Mods! Ich bin lern- und leidensfähig.

Ich dachte, dass ich in der Saure-Gurken-Ferienzeit einfach noch ein paar Zeilen poste. Nur so zur Unterhaltung, falls es jemand lesen mag.

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Widerstrebend ließ sich Wanja auf sein Lager drücken. Er würde nicht hier liegen bleiben. Ganz gewiss konnte es ihm nicht schaden, in einem Traum mit einer Gehirnerschütterung aufzustehen und herum zu gehen. Dieser Traum schenkte ihm so ungeheuer lebendige Erinnerungen an seine Familie und an seine Heimat, dass er jeden Augenblick davon auskosten wollte. Jederzeit konnte er aufwachen und seinen Bruder und vielleicht auch viele andere Verwandte niemals wieder sehen. Er erstarrte, als ihm noch etwas Anderes einfiel: Würde er auch seine Zwillingsschwester Maryam wieder sehen? War sie in diesem verrückten Traum ebenfalls noch am Leben? Mit beiden Händen hielt er die Felldecke fest, die Alexander ihm fürsorglich über den Leib ziehen wollte.
"Alex", fragte er mit unsicherer Stimme. "Wie …" Er stockte. Diese Frage war wirklich zu verrückt! Andererseits: Dies war ja nur ein Traum. Was schadete es also? "Wie alt bin ich?"
Überrascht richtete sich der junge Krieger auf.
"Was? Warum fragst du? Weißt du das denn nicht mehr?" Doch dann nickte er reumütig. "Entschuldige! Deine Beule … Du bist natürlich siebzehn, du Spinner. Sonst noch Fragen?"
Enttäuscht schüttelte Wanja den Kopf und verzog im gleichen Augenblick vor Schmerz das Gesicht.
Siebzehn! Da war Maryam schon seit drei Jahren tot gewesen. Aber natürlich war dies nur ein Traum und da mochte alles anders sein, als in der Wirklichkeit. Alexander sah ihn forschend an.
"Alles in Ordnung?", fragte er. Als Wanja nicht antwortete, sagte er: "Ich bin gleich wieder zurück. Bleib liegen, ja?" Wanja antwortete noch immer nicht, deshalb verließ Alexander mit der verunreinigten Haut eilig das Zelt.

Sobald er allein war, schob Wanja die Decke zurück. Er musste sich davon überzeugen, ob Maryam hier nicht doch irgendwo im Lager war. Wieder kämpfte er sich gegen die starke Übelkeit auf die Beine, doch dieses Mal kam er nicht weit. Der Schwindel ließ seine Beine einknicken und die Schmerzen warfen ihn zurück in die Besinnungslosigkeit.

Von einem plötzlichen starken Brechreiz wurde er abrupt wieder geweckt. Er krümmte sich und rollte instinktiv zur Seite. Ein Paar Hände half ihm, stützte ihn, zog einen Eimer heran, als der Brechreiz ihm den Magen umdrehte und legte ihn anschließend wieder zurück auf sein Bett. Wanja wollte sich den Mund abwischen, aber die fürsorglichen Hände waren schneller und rieben ihm mit einem kühlen, feuchten Tuch über das Gesicht. Endlich war er wieder aufgewacht! Mit geschlossenen Augen versuchte Wanja, wieder zu Atem zu kommen.
"Valeria?" murmelte er dabei undeutlich.
"Wer Valeria ist, weiß ich nicht", erklärte da eine junge, muntere Stimme neben ihm. "Aber mein Name ist immer noch Ivan."
Wanja riss die Augen auf und starrte in das Gesicht des Sprechers. Neben ihm, im schwachen Licht der Talglampe kaum zu erkennen, saß sein Halbbruder Ivan, noch weit davon entfernt, der erwachsene und verantwortungsbereite Mann zu werden, als den Wanja ihn bei ihrem letzten Wiedersehen erlebt hatte.

Entsetzt starrte er den Jungen an seiner Seite an. Er war immer noch in diesem Traum gefangen?
"Du brauchst nicht so ängstlich zu gucken", schwatzte Ivan hemmungslos weiter. "Deine Mutter hat mir das Versprechen abgenommen, dich nicht mit irgendwelchen dummen Sprüchen aufzuregen. Ich frage dich: Mache ich jemals dumme Sprüche? Meine Sprüche sind immer geistreich und unterhaltsam, oder?" Er verschränkte grinsend seine Arme.
"Du warst eine verdammte Landplage!", entfuhr es Wanja, bevor er richtig nachdenken konnte. Der übermütige Ausdruck verschwand aus Ivans Gesicht.
"Warst? Junge, du bist wirklich noch nicht wieder richtig wach, was? Was hast du bloß da draußen gemacht?"
"Ist doch egal. Das hier ist sowieso alles nur ein schlechter Traum." Wanja versuchte aufzustehen. Doch Ivan drückte ihn wieder zurück aufs Lager.
"Du bleibst liegen!", befahl er. "Deine Mutter hat sich endlich mal schlafen gelegt. Aber sie hat ganz klar bestimmt, dass du mindestens zwei Wochen lang nicht aufstehen darfst. Und wenn sie erfährt, was du gerade für einen Unsinn von dir gegeben hast, dann werden aus den zwei Wochen auch ganz schnell vier."
"Du kannst mich hier nicht festhalten. Ich wache ohnehin jeden Augenblick wieder auf. Zwei Wochen im Bett liegen? Das ist doch lächerlich!" Vergeblich versuchte Wanja, die Hände seines jüngeren Bruders fort zu schieben. Doch der hielt ihn nun umso entschlossener fest.
"Sei vernünftig, Wanja! Es ist wichtig, dass du dich nicht so viel bewegst. Mutter hat gesagt, dass wir dich notfalls am Bett festbinden sollen, wenn du nicht liegen bleibst. Das willst du doch bestimmt nicht."
Wanja stöhnte und verstärkte seine Anstrengungen. Das war doch albern! Dies war nur ein blöder Alptraum! Sein Schädel begann zu pulsieren.
"Sergej! Gregor! Wacht auf und helft mir! Dieser Schwachkopf fängt an zu toben. Ich schaff´das nicht alleine!" Ivan kniete inzwischen praktisch auf Wanjas Brust. Die beiden anderen Brüder, mit denen Wanja und Ivan ihr Zelt teilten, kamen nackt und mit wirrem Haar herbei gestürzt und halfen, ihn festzuhalten.
"Lasst mich los, ihr blöden Schwachköpfe! Ihr seid doch alle gar nicht hier. Ihr seid dreitausend Meilen weit weg von Wolfsburg", schrie Wanja wütend. Er wand sich und versuchte, die Traumgestalten mit seinen Füßen fort zu stoßen. Sein Kopf hämmerte inzwischen.
"Wanja, verdammt!" Gregor ächzte, als ihn ein Knie in die Rippen traf. "So wird das nichts. Jemand muss Mutter holen. Ivan, …"
Doch Warinia Bajarin kam bereits ins Zelt gestürzt.
"Was ist denn hier los? Wanja! Komm zu dir, Junge!" Sie legte ihre Hände an seine Wangen. Wanja schüttelte jedoch wild den Kopf, um sie los zu werden. Er war nicht länger bereit, sich in diesen verrückten Traum einzufügen. Der Kopfschmerz schoss wie ein glühendes, zorniges Insekt unter seiner Schädeldecke herum und stieß immer wieder dagegen. Er konnte kaum noch etwas sehen. Jemand warf sich auf seine Beine, damit er nicht mehr treten konnte.
"Er glaubt, dass er nur träumt, dass wir nicht Wirklichkeit sind, Mutter"", keuchte Ivan. "Was sollen wir denn jetzt nur mit ihm tun?"
"Holt Riemen!", hörte Wanja seine Mutter bekümmert, aber entschlossen sagen. Ihre Stimme, die vielen harten Hände, alles schien plötzlich davon zu schweben. "Und bringt mir den Mohnsaft aus meinem Kasten! Schnell! Der Junge bringt sich sonst noch um." Das feurige Insekt in Wanjas Kopf dehnte sich zu einem weiß glühenden Ball aus, der Wanja verschlang.

Doch diese schmerzhafte Helle verblasste nach und nach zu einem dumpfen Grau, in dem Wanja unbestimmbar lange Zeit schwebte. Nur wenige Laute und Berührungen nahm er wahr. Manchmal hörte er Stimmen. Manchmal spürte er etwas in seinem Mund und schluckte unwillkürlich. Und immer war der Druck breiter Riemen um seine Hand- und Fußgelenke und auf seiner Brust. Wie lange dieser sonderbar schwebende Zustand anhielt, war ungewiss.

Irgendwann sank Wanja auf sein Bett nieder. Er fühlte ein Laken unter sich und eine Decke auf sich. Bewegen konnte er sich kaum. Mehrere gepolsterte Lederriemen hielten ihn fest. Seine Mutter saß neben ihm und wusch sein Gesicht sanft mit einem feuchten Tuch.
"Wanjascha", sagte sie liebevoll, als sie seine geöffneten Augen sah. "Wie fühlst du dich?"
Wanja dachte über diese Frage nach. Er war völlig verwirrt. Noch immer schien alles falsch zu sein, er sich am falschen Ort, am falschen Zeitpunkt und im falschen Körper zu befinden. Er war nicht siebzehn Jahre alt und lebte bei seinen Eltern in Amudaria. Er war sich sicher, dass er in Wirklichkeit viel älter war, schon Mitte dreißig, dass er vom Clan fortgegangen und viele Jahre durch die Welt gezogen war, dass er geheiratet hatte und Vater geworden war. Da waren unzählige Erinnerungen an die Erlebnisse eines Lebens … Aber, … waren diese echt? Was war Traum und was Wirklichkeit? Er war sich nicht mehr völlig sicher.
"Ich weiß es nicht", flüsterte er beunruhigt. Dabei sah er den hoffnungsvollen Blick im müden Gesicht seiner Mutter. Und dieser Sache war er sich ganz sicher: Sie liebte ihn und machte sich große Sorgen um ihn. Und er liebte sie ebenfalls und wollte ihr jeden Kummer ersparen. Unbestimmt erinnerte er sich, dass er ihr in einer anderen Wirklichkeit sehr weh getan hatte. Deshalb fühlte er sich verpflichtet, sie zu beruhigen, und zwang sich zu einem matten Lächeln, ehe er sagte: "Durstig. Und hungrig."
"Den Göttern sein Dank, dagegen lässt sich etwas tun." Sie beugte sich über ihn und küsste ihn auf die Stirn. Dann stand sie auf und rief nach Ivan. Als der neugierig ins Zelt kam, schärfte sie ihm ein, auf seinen Bruder acht zu geben und sofort zu rufen, wenn etwas Besorgnis erregendes geschähe.
"Und", sie hob mahnend einen Zeigefinger: "Ärgere ihn nicht!"
"Wer, ich?" Grinsend duckte sich Ivan unter der angedeuteten Ohrfeige hinweg und setzte sich auf den Schemel neben Wanjas Bett.

Wortlos sahen Ivan und er einander an, während Warinia Bajarin eilig fort ging.
"Was?", fragte Wanja schließlich tonlos. Ivan zuckte mit den Schultern.
"Du hast uns ganz schön Sorgen gemacht. Ich hab mich gefragt, ob es dir jetzt besser geht. Bist du wieder bei Verstand, oder glaubst du immer noch, dass du träumst?"
"Ich weiß es nicht genau", wiederholte Wanja, was er schon seiner Mutter gesagt hatte. "Es ist alles so eigenartig." Er drehte seine Hände unruhig in den Fesseln. Ivan sah das und lächelte auf seine spöttische Art.
"Ja, das ist schon irgendwie peinlich, was? Aber wir konnten dich ja nicht tagelang mit vier Mann festhalten."
Tagelang? Tagelang? Konnte ein Traum so lange dauern? War er nicht vielleicht doch nur verrückt geworden? Was war Traum und was war die Wirklichkeit?
"Ich liege hier schon seit Tagen?" Wanja stöhnte. "Wie kann das sein? Ich … weiß überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll." Er sah Ivan verzweifelt an. "Was ist denn bloß passiert, seit meinem … meinem Unfall? Und davor? Erzähl mir von der Familie. Ich muss wissen, wohin ich gehöre. Ich muss wissen, wer ich bin!"

Sein jüngerer Halbbruder musterte ihn lange schweigend und ungewohnt ernst. Dann begann er zu sprechen. Wanja hörte vieles, das in jener anderen Wirklichkeit weit in der Vergangenheit lag. Teils erinnerte er sich sehr gut daran, teils nur vage. Vor zwei Jahren, ein Jahr nach dem schrecklichen Ende seiner geliebten Zwilligsschwester hatte er von der Tewoi-Versammlung das Schwert und damit die Anerkennung als Krieger erhalten – in einem jüngeren Alter als jemals ein Amudare vor ihm. Seit dem führte er einen persönlichen Krieg gegen den Clan der Illuren, die man für die Schuldigen an Maryams Tod hielt, ohne es jedoch beweisen zu können. Beides, seine ungewöhnlich frühe Anerkennung als Krieger und sein hartnäckiges Bekämpfen aller Illuren, welche er im Gebiet des eigenen Clans antraf, hatten zu einem Dauerstreit mit seinem Vater, dem Fürsten Karol Bajarin geführt. Der hatte Wanja ohnehin stets härter gefordert und strenger erzogen, als seine anderen Kinder. Doch inzwischen konnten die Beiden kaum noch vernünftig miteinander sprechen. Praktisch jeder Wortwechsel endete in einem heftigen Streit. Wanja bestand darauf, immer sofort mit einigen Vertrauten auf den schnellsten Pferden aufzubrechen, wenn er von illurischen Eindringlingen erfuhr. Im letzten Herbst hatte er eine Brieftauben-Verbindung eingerichtet, mittels der bedrohte und angegriffene Winterdörfer um Hilfe rufen konnten. Gnadenlos hatten Wanja und seine Freunde jeden fremden Krieger erschlagen, den sie bei einem Angriff auf ein Bajarendorf oder mit der Beute aus einem solchen Überfall erwischten. Und in der Regel waren es Krieger der Illuren, die auf diese Weise starben.

Fürst Bajarin dagegen hatte Wanja diesen persönlichen Krieg verboten. Er wusste natürlich ebenfalls von den Überfällen und hieß es gut, den angegriffenen Bajaren zu Hilfe zu kommen und die schuldigen Räuber zu bestrafen. Doch bestand er darauf, dass er als Fürst der Bajaren zuvor gefragt werden wollte, ehe sein zweitjüngster Sohn auf Kriegszug ritt. Und er verbot, dies mit seinen besten Pferden zu tun. Nun war es aber leider so, dass sich die Überfälle in der Regel ereigneten, wenn Fürst Bajarin nicht im Lager, beziehungsweise dem eigenen Winterdorf anwesend war. Anscheinend waren die Illuren über das, was bei den Bajaren geschah, gut unterrichtet. Jedenfalls gab es selten die Möglichkeit, den Fürsten um Erlaubnis zu fragen, und wegen der zwingenden Eile nahmen Wanja und seine Freunde auch gegen den Befehl Fürst Bajarins die schnellsten Pferde und stürmten los, sobald ein Hilferuf eintraf. Ihr Einsatz war so erfolgreich, dass die Überfälle inzwischen seltener geworden waren. Doch nicht nur Fürst Bajarin befürchtete inzwischen, die Räuber könnten Wanja und seinen Gefährten eine Falle stellen, um sie unschädlich zu machen. Deshalb strebte der Fürst der Bajaren an, eine friedliche Lösung für dieses alte Problem zu finden und verbot Wanja sein unbesonnene los Stürmen.

Aber trotz dieses Befehls folgte der jedem eintreffenden Hilferuf. Er konnte ihn nicht überhören, auch, wenn er bei seiner Rückkehr jedes Mal für seinen Ungehorsam hart bestraft wurde. Halb neiderfüllt erwähnte Ivan den Namen, den die dankbaren Geretteten Wanja für sein selbstloses Tun verliehen hatten: Schwarzer Wolf, nach dem Clanszeichen der Bajaren, der Wölfe vom Ormur, nach dem schwarzen Pferd, das er stets ritt und nach den grünen Augen, welche unter den schwarzhaarigen und dunkeläugigen Amudaren so ungewöhnlich waren und seinem Blick den wilden Ausdruck eines Raubtieres gaben. Und Ivan nannte die Namen der Freunde, die Wanja bei seinem Tun unterstützten, ebenso wie er selber jedes Mal ihr Leben aufs Spiel setzten und, wenn sie lebend zurückkehrten, den Zorn ihres Fürsten auf sich nahmen.

"An das alles erinnere ich mich", sagte Wanja langsam, als Ivan geendet hatte. "Aber es scheint seit dem so viel Zeit vergangen und so viel Anderes geschehen zu sein. Aber … ich bin siebzehn Jahre alt, das steht völlig außer Zweifel, wenn ich mich ansehe. Und dies ist Amudaria." Er sah seinen Bruder angstvoll an. "Werde ich verrückt, Ivan?"
Ivan schien nachzudenken. Dann schüttelte er den Kopf.
"Nein", sagte er entschieden. "Das warst du schon immer." Dabei grinste er bereits wieder vergnügt.
Warinia Bajarins Stimme schalt ihn zornig:
"Du bist und bleibst ein Nichtsnutz, Ivan! Was hatte ich dir gesagt?"
"Ähm, …" Ivans Gesicht zeigte plötzlich einen selten schuldbewussten Ausdruck. "Keine dummen Sprüche?"
"Raus mit dir!" Wanjas Mutter sah ihrem halbwüchsigen Stiefsohn kopfschüttelnd nach.

Dann setzte sie sich auf den frei gewordenen Schemel und stellte auf den Boden, was sie in ihren Händen getragen hatte. "Hör nicht auf diesen unnützen Bengel, Wanja. Du wirst bald wieder gesund sein. Dass du darüber nachdenkst, ob du verrückt bist, oder nicht, ist das sicherste Zeichen dafür, dass du es nicht bist. Das ist zumindest meine Meinung dazu."
Wanja starrte sie dennoch gequält an.
"Ich weiß aber nicht mehr sicher, was Wirklichkeit und was Traum ist", entfuhr es ihm. "Ich weiß selbstverständlich, dass du meine Mutter bist. Und ich kenne alle meine Geschwister, Freunde und Verwandten. Dies war mein Leben, als ich ein Kind war. Aber ich habe außerdem alle diese Erinnerungen an viele weitere Jahre meines Lebens! Und sie scheinen so echt zu sein!"
"Erzähl mir davon", bat seine Mutter. Doch Wanja schwieg. Angestrengt grübelte er darüber nach, ob er das, was ihm so viel bedeutete, wie einen belanglosen Traum erzählen konnte. Er schloss verzweifelt die Augen. Seine Mutter strich ihm sanft über eine seiner Wangen.
"Du möchtest nicht darüber sprechen?" Kaum merklich schüttelte Wanja den Kopf. "Dann erzähl mir doch, woran du dich von deinem Unfall erinnerst. Vielleicht quält dich das weniger."

Wanja zögerte, doch dann sagte er leise:
"Ich war im Fluss schwimmen. Etwas fiel auf mich und drückte mich unter Wasser, so dass ich mit den Kopf gegen einen Stein trieb."
"Das klingt eigentlich ganz sinnvoll", sagte seine Mutter ebenso leise und zögernd wie er. "Aber sie fanden dich weit vom Fluss entfernt, angezogen und völlig trocken."
"Es war auch nicht dieser Fluss, Mutter," gab Wanja zurück. "Es war ein anderer in einem weit entfernten Land."
"Und wie solltest du dorthin gekommen sein? Du warst doch nur wenige Stunden fort."
"Der Weg dorthin dauerte ein halbes Menschenleben und ich war auch kein Junge mehr, sondern ein erwachsener Mann."
"Aber … " Warinia Bajarin lächelte. "Du bist ein Mann, seit zwei Jahren schon."
"Nein, ich bin …" Wanja schluckte. Es fühlte sich immer noch falsch an. "Ich gelte seit zwei Jahren als Krieger, aber dennoch bin ich ein Junge von siebzehn Jahren. Doch nach meinen Erinnerungen war …, bin ich … , müsste ich über dreißig Jahre alt sein." Er ballte die Fäuste.
Besorgt legte seine Mutter ihm die Hände auf die Schultern.
"Wanja?"
"Mach dir keine Sorgen, Mutter. Ich bin ganz ruhig."

Er seufzte. "Mir ist übel. Wie lange habt ihr mir Mohnsaft gegeben?"
"Wie kommst du darauf, wir hätten dir …?"
"Ist das nicht eine der üblichen Nachwirkungen? Und dieser süßliche Geschmack im Mund …" Wanja sah den entsetzten Ausdruck im Gesicht seiner Mutter und lächelte verzerrt. "Nein, ich habe niemals deine Vorräte missbraucht. `Ein halbes Menschenleben´, erinnerst du dich? Ich habe mehrere Jahre an der Hohen Schule von Katyr studiert, neben anderen Dingen auch Kräuterkunde und die Heilkunst. Und nach meinen Erinnerungen habe ich auch vieles andere getan."
Er stutzte, denn ein Gesicht erschien vor seinem inneren Auge, ein Gesicht mit blauen Augen, heller Haut und langen schwarzen Haaren. Dieses Gesicht hatte keine hohen Wangenknochen, und die Augen standen auch nicht schräg wie bei einer Amudarin. Es strahlte ihn zärtlich an, so zärtlich, dass Wanjas Herz zerreißen wollte. "Valeria!", flüsterte er erschüttert.
"Wer soll das sein? Auch Ivan sagte, du hättest diesen Namen genannt."
"Meine Frau! Meine geliebte Gemahlin, die Mutter meiner Kinder!" Plötzlich wusste Wanja wieder mit großer Gewissheit, welche Welt die wirkliche war. So große Gefühle, wie sie ihn jetzt überwältigten, konnte man sich nicht einbilden. So große Liebe! Doch wie unerklärlich weit war sie fort, und wie unerreichbar anscheinend! So großer Schmerz!

Warinia Bajarin ließ ihn weinen. Wie hätte sie ihn auch in diesem Augenblick trösten können? Behutsam löste sie die Riemen, welche ihn seit seinem Anfall vor einigen Tagen geschützt hatten. Sie war davon überzeugt, dass jetzt keine Gefahr mehr bestand. Welche sonderbaren Träume ihn auch heimsuchen mochten, Wanja war nun in der Lage, ruhig und mit klarem Verstand darüber nachzudenken. Schließlich versiegten die Tränen und er wischte sich die letzten Spuren davon aus dem Gesicht.

"Weißt Du, …" begann seine Mutter liebevoll. "Das, was du erzählt hast, sind Dinge, von denen jeder Junge träumt: Fremde Länder, Abenteuer, eine schöne Frau, … Manchmal, wenn einem Menschen ein Stück seiner Erinnerung abhanden kommt, versucht sein Verstand, diese Lücke zu füllen. Und dass es eher angenehme Bilder sind, die dabei entstehen, ist ganz natürlich." Sie gab Wanja ein wenig Zeit, sich mit dieser Möglichkeit zu beschäftigen. Dann fuhr sie fort: "Aber sieh dich an! Du bist ein erst siebzehn Jahre junger Mann und du bist niemals länger als zehn Tage von deiner Familie fort gewesen. Und bis du eine Frau nimmst und ihr Kinder bekommt, …" Sie lächelte. "Ein wenig Zeit wird das vermutlich noch dauern.
Dass dich diese seltsamen Erinnerungen sehr bewegen, ist nicht zu übersehen. Woher sie kommen und wie du damit umgehen kannst, muss die Zukunft zeigen. Ich weiß es nicht. Aber für das Hier und Jetzt, wo du nun einmal bist, musst du einen Weg finden, den du gehen willst. Deine Kopfverletzung ist verheilt. Das Leben läuft weiter, Wanja, und du musst entscheiden, wie du ihm begegnen willst. Selbst, wenn du weiterhin davon überzeugt bist, dieses Leben sei nur ein Traum, … was willst du tun, bis du –vielleicht- irgendwann erwachst? Dein Vater wird von dir bald verlangen, dass du deine Arbeit wieder aufnimmst. Wie wirst du dich dann verhalten? Der Sohn, den ich geboren habe und aufwachsen sah, würde das Schicksal in seine Hände nehmen und selber lenken wollen. Oder willst Du weiter trauern und verzweifeln und dich gehen lassen, vielleicht für den Rest deines Lebens?"

Wanja setzte sich langsam auf. Sein Herz schrie immer noch nach seinem wirklichen Leben. Aber seine Mutter hatte Recht, er musste sich mit dem auseinandersetzen, was hier um ihn herum geschah. Er konnte nicht einfach da liegen, sich wie einen Geisteskranken behandeln und pflegen lassen, während er darauf wartete, endlich wieder aufzuwachen. Er war nicht verrückt. Er wusste nicht, was mit ihm geschehen war, aber er war bei Verstand. Seine Erinnerungen zeigten ihm die Wirklichkeit und er würde alles tun, was er konnte, um dorthin zurückzukehren. Körperlich fühlte er sich gut. Seine jungen Glieder schrien nach Bewegung. Wenn er sie nicht bekam, dann würde er verrückt werden. Und was hinzu kam: Nach dem, wie seine Familie auf seinen vermeintlichen Wahnsinn reagiert hatte, konnt er sich vorstellen, welche Schwierigkeiten einen gesunden, siebzehnjährigen Amudaren erwarteten, der seinem Clan Arbeit und Gehorsam verweigerte. Er würde sich der scheinbaren Wirklichkeit dieses Traums fügen oder mit den sehr unangenehmen Folgen leben müssen. Vielleicht konnte er irgendetwas dazu beitragen, um aus diesem Traum auszubrechen. Aber so lange musste er damit zurecht kommen. Liebevoll nahm er deshalb eine Hand seiner Mutter in seine beiden.

"Ich werde nicht verzweifelt warten, bis meine Zeit in dieser Welt verstrichen ist, Mutter. Irgendwann mag der Tag kommen, da mir meine Augen wieder jenes andere Leben zeigen, an das ich mich erinnere. Aber bis dahin werde ich versuchen, dieses hier zu meistern."
"Das ist mein Junge!" Warinia Bajarin küsste ihn erleichtert auf eine Wange. "Dann fange gleich damit an. Du hast manches nachzuholen. Hier ist etwas zu Essen und zu Trinken für dich." Sie nahm einen Teller und einen Krug vom Boden und stellte sie auf das Bett.
Wie zur Antwort knurrte Wanjas Magen laut, nein, er brüllte geradezu auf. Verlegen lächelte Wanja. Er hatte neben dem Körper eines Siebzehnjährigen offenbar auch dessen unstillbaren Appetit zurück bekommen. Wie lange war es her, dass er amudarische Speisen gekostet hatte? - Herzhaft gewürzte und gebratene Fleischspieße, frischen krümeligen Schafkäse, Brotfladen aus den Körnern wilden Getreides? Innerhalb kürzester Zeit war der Teller ebenso geleert wie der Milchkrug, und Wanja fühlte sich ein wenig besser. Er seufzte und wischte sich den Mund ab.
Der Zelteingang zog seinen Blick an. War dieses Leben, in das er auf so rätselhafte Weise zurück gestoßen worden war, tatsächlich genauso, wie seine Erinnerungen an seine Kindheit? Es drängte ihn, das herauszufinden.
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canis lupus niger heißt auf Latein "Schwarzer Wolf"
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