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Selbstmord: feige? Mutig? Eine Lösung?

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  #141  
Alt 17.01.2013, 18:58
Benutzerbild von Nephthys
Nephthys Nephthys ist offline
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Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich mich zu diesem Thema noch einmal melden sollte, oder nicht.
Nun, jetzt sind vier Tage ins Land gegangen, und da hängt mir noch immer ein gewisses Bedürfnis im Hinterkopf. So what?
(Editieren kann ich ja immer noch ^^)

Die Bardin hat einen wichtigen Punkt angesprochen.
Gedankenkreisel nannte sie es, sofern ich es richtig in Erinnerung habe. Dazu gibts in unterschiedlichen Kreisen unterschiedliche Bezeichnungen. Ich kenne es unter "Kopfkreisen". Das Substantiv ist ja auch egal. Es beschreibt das selbe:
Ein Gedankengang, der immer und immer wiederkehrt. Quasi von allein. Und abstellen lässt es sich auch nicht so wirklich. Sogar durch die Ablenkung hindurch kann es sich Bahn brechen. Und es ist manchmal nur ein Bild. Das kann sich über Tage manifestieren. Und dann tritt genau das ein, was immer eintritt, wenn etwas tausende Male wiederholt wird: ein Lerneffekt.
Wenn dieser Gedankengang dir grade klarmachen will, dass du nutzlos bist. Dass du wertlos bist und dass alles besser wäre, wenn du ... dann ist es wie eine selbstverursachte Gehirnwäsche. Du fängst an daran zu glauben. Über alle Rationalität hinweg. Denn die stellt sich dann ab.
Die ersten Schritte sind übrigens nicht der Suizid an sich. Der erste Schritt ist der Rückzug in sich selbst. Und das ist für Außenstehende nur dann offensichtlich, wenn sie genau darauf achten. Denn - Nichtbetroffene können es sich nicht vorstellen - mit der Intensität dieser Gedanken wird es immer wichtiger, den anderen eine heile Welt vorzugaukeln.
Das hat mehrere Gründe, schätze ich.
Einer davon ist ganz klar der bereits abgefrühstückte. Nichts ist schlimmer, als eine oberflächliche(!!!) Bemerkung nach dem Motto "stell dich nicht so an."
Ich sage bewusst oberflächlich. Zumindest ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein ernstgemeintes, von einer Vertrauensperson stammende "stell dich nicht so an" durchaus "Einnordend" wirken kann.

Wie geht man mit einem potentiellen Suizidenten um?
Das ist eine höchst individuelle Frage.
Weiter oben habe ich gesagt, dass es aufs Zuhören ankommt. Und das stimmt auch.
Ebenso wichtig ist jedoch Ablenkung. Wenn ich einem Suizidienten das Gefühl vermittle, dass ich mich nur für ihn interessiere, weil er grade wieder mal "mies drauf" ist, dann verfestige ich seinen Gedankengang nur noch. Deshalb finde ich zeitlich versetztes Nachfragen ... sehr gefährlich.

Ich kenne jemanden, der mehrere Suizidversuche hinter sich hat. Aber ich weiß auch, dass er jemand ist, auf den die Hypothese mit dem "Hilferuf" zutrifft. Er fühlt sich derartig alleine und einsam, dass er Medies schluckt, um im Krankenhaus zu landen. Und auch um seinen Freunden fast schon freudestrahlend zu berichten, dass er schon wieder eine Überdosis hatte.
Das erste Mal hat mich derartig mitgenommen, dass ich selbst emotional abgestürzt bin. Inzwischen habe ich eine "na und?" - Einstellung ihm gegenüber. Denn jedes Mal, wenn ich den Tanz mitmache, lernt er, dass sich jemand drum kümmert.
Andererseits habe ich - ehrlich gesagt - ohnehin keinen Bock mit meinem Kumpel nur aus seiner suizidalen Absicht heraus befreundet zu sein. Denn er ist nicht "nur" gefährdet.

Und um es deutlich zu sagen: es gehört unterschieden zwischen Suizidenten, die sich tatsächlich das Leben nehmen wollen und solchen, die es eben nur "fast" wollen. In beiden Fällen kann es selbstverständlich den Exitus bedeuten.

Die Menschen, um die es am schlimmsten steht, sagen übrigens nichts. Denn sie wollen nicht vom letzten Schritt abgehalten werden.

Ich denke, das ist für die Hinterbliebenen das Belastenste. Die Frage danach, ob man etwas hätte merken müssen. Und ob man es hätte verhindern können.

Darauf kann ich nur eines sagen:
Bemerken? Vielleicht. Kommt auf die schauspielerische Leistung desjenigen an.
Verhindern? Nein. Man kann nur über gewisse Phasen hinweghelfen. Aber verhindern kann man es nicht, wenn der Suizidient entschlossen ist.

Die Frage nach dem Egoismus ...
Ja, es mag egoistisch erscheinen.
Aber so ist es im Fall der Fälle nicht gemeint. Es geht um eine Erleichterung aller Beteiligten.
Es geht nicht um "Bestrafung" der Überlebenden. Kann ich mir nicht vorstellen. (Juuut, ich glaube aber auch nicht an ein Leben nach dem Tode ... von daher schließe ich einen trotzigen Menschen auf Wolke sieben aus, der da hockt und sich grinsend denkt "das habt ihr nun davon".)

Um noch einmal auf die Logik zurückzukommen, denn das ist ein wichtiger Punkt.
Die Ratio ist in solchen Phasen abgeschaltet. Und selbst wenn sie noch vorhanden ist, dann ist sie zu "leise". Dann sind die eigenen Überzeugungen, die sich in Selbsthass und Selbstekel äußern, viel stärker.
Und ja - da hat die Bardin recht - dann bekommt man einen Tunnelblick. Jede eigene Verfehlung, sei sie tatsächlich gewesen oder nur eingebildet, wird in der eigenen Vorstellung riesengroß. Die liebenswerten Seiten an sich selbst negiert man. Rigeros.

Und ... wie soll man nachvollziehen können, dass andere Menschen einen mögen, wenn man sich selbst nicht ausstehen kann?


So.

Sollte reichen.


Edith schicke ich beizeiten vorbei ...
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Wieso eigentlich ... sind Drachen weise? Das sind Echsen, liebe Leute. Echsen! Habt ihr euch schon mal nen Gehirn von einer Echse angeguckt? Himmel! Da haben meine Meerschweinchen größere Gehirne - und die finden nicht mal den Weg aus ihrem Käfig raus.
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  #142  
Alt 17.01.2013, 19:24
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Darnamur Darnamur ist offline
nicht nach 24 Uhr füttern
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Deine Meinung spiegelt in etwa auch meinen Standpunkt zu diesem Thema wieder. Auch wenn ich (glücklicherweise) noch nicht wirklich viel Erfahrung bezüglich Selbstmord habe- weder bei mir noch bei meinen Vertrauten/Freunden besteht wohl eine ernsthafte Gefährdung.

Das es kein Leben nach dem Tod gibt ist im Übrigen das beste pro-Selbstmord-Argument. Denn mit der Auslöschung deiner eigenen Existenz wird alles zerstört was du jemals gewesen bist. Auch wenn deine Hinterlassenschaften- z. Bsp. hier noch immer zu lesen sind. Für dich hat das keine Bedeutung mehr. Du als Mensch existierst nicht mehr, bist nie da gewesen im Grunde. Das Leben hat nun mal keinen Sinn (überzeugt mich vom Gegenteil- bitte! )

Naja, noch sind nicht alle Rätsel des Universums geklärt- man nehme den Urknall. Vielleicht gibt es ja doch noch die Chance ;) ...auch wenn ich es nicht glaube.

Und nein, nach dieser "Erkenntnis" werde ich mich nicht umbringen, dazu hänge ich doch zu sehr an meinem Leben.

LG,
Darnamur
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  #143  
Alt 17.01.2013, 19:31
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Nephthys Nephthys ist offline
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So?
Das war bisher immer mein Argument pro-Leben
Bin zu neugierig. Will wissen, wie es weitergeht. Wenn dann schon nicht mit mir, dann doch mit allem anderen ... und da nach Einsetzen der Autolyse (sprich: biologisch "programmierte" Selbstauflösung) nix mehr ist, welches das "ich" ausmacht, könnt ich schlecht "stalken"
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  #144  
Alt 17.01.2013, 20:24
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Cassandra Cassandra ist offline
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Zitat:
Zitat von Nephthys Beitrag anzeigen
So?
Das war bisher immer mein Argument pro-Leben
Bin zu neugierig. Will wissen, wie es weitergeht. Wenn dann schon nicht mit mir, dann doch mit allem anderen ... und da nach Einsetzen der Autolyse (sprich: biologisch "programmierte" Selbstauflösung) nix mehr ist, welches das "ich" ausmacht, könnt ich schlecht "stalken"



Bei folgendem will ich mich unter Berücksichtigung eines späteren Editierens Deinerseits ein wenig mit dem zitieren zurück halten bzw. mich auf die eher neutralen Stellen konzentrieren.

Zitat:
Zitat von Nephthys Beitrag anzeigen
Die ersten Schritte sind übrigens nicht der Suizid an sich. Der erste Schritt ist der Rückzug in sich selbst.
Zitat:
Zitat von Nephthys Beitrag anzeigen
Ebenso wichtig ist jedoch Ablenkung. Wenn ich einem Suizidienten das Gefühl vermittle, dass ich mich nur für ihn interessiere, weil er grade wieder mal "mies drauf" ist, dann verfestige ich seinen Gedankengang nur noch. Deshalb finde ich zeitlich versetztes Nachfragen ... sehr gefährlich.
Zitat:
Zitat von Nephthys Beitrag anzeigen
Und um es deutlich zu sagen: es gehört unterschieden zwischen Suizidenten, die sich tatsächlich das Leben nehmen wollen und solchen, die es eben nur "fast" wollen. In beiden Fällen kann es selbstverständlich den Exitus bedeuten.
Zitat:
Zitat von Nephthys Beitrag anzeigen
Die Menschen, um die es am schlimmsten steht, sagen übrigens nichts. Denn sie wollen nicht vom letzten Schritt abgehalten werden.

Zitat:
Zitat von Nephthys Beitrag anzeigen
Aber verhindern kann man es nicht, wenn der Suizidient entschlossen ist.

Zitat:
Zitat von Nephthys Beitrag anzeigen
Es geht nicht um "Bestrafung" der Überlebenden. Kann ich mir nicht vorstellen.
So, ich habe Dein Statements jetzt mal für mich zusammengefasst - solltest Du einige Stellen oder auch alles entfernt haben wollen, wird´s selbstverständlich umgehend editiert.
Im Grunde hast Du alles angesprochen, was es zu diesem Thema zu sagen gibt. Für mich besonders wichtig war die Stelle mit dem zeitlich versetzten Nachfragen - etwas ähnliches hatte Bardin ja auch schon gesagt.

Ich weiß nicht, aber wäre es eine Taktik, einfach immer wieder den Kontakt zu suchen, so wie man das auch sonst täte und dabei aber für sich auf mögliche Anzeichen etc. zu achten?

Mehr fällt mir hierzu fast nicht mehr ein und eine Art abschließendes "Wort zum Sonntag" dürfte es bei dieser Thematik wohl nicht geben ...
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  #145  
Alt 17.01.2013, 20:51
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Nephthys Nephthys ist offline
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Die eigentliche Frage ist, wie viel Verantwortung willst du als Freund, Angehöriger, Mensch tragen? Und wie viel Verantwortung kannst du tragen?

Die Verantwortung liegt in erster Linie beim Suizidienten. Es ist sein Leben. Wenn er es beenden möchte, dann darf er es. Wer - abgesehen von ihm selbst und seinen Überzeugungen - könnte ihn aufhalten?
Aus welchen Gründen es auch immer zum Äußersten kommt. Sei es eine Kurzschlussreaktion, sei es eine langfristige Planung. Würde ich es "werten" wollen, würde ich die erste, die kurzfristige Reaktion, für eine unglückliche Entscheidung halten.

Da ich - wie gesagt - jemanden kenne, der gern mal mit Suizid droht (und ich unterstelle ihm keine "böswilligen" Absichten. Er "kann" nicht anders, weil sein Selbstbild verschoben ist.), kann ich sagen, dass es sehr individuelle Grenzen der Verantwortung gibt, die man für Freunde übernehmen kann. Nach einer schlaflosen Woche und dem sehr bedrohlichen eigenen Absturz kann ich für mich sagen, dass ich gern bereit bin zuzuhören. Und ich bin auch bereit dazu, in Krisenzeiten das Handy angeschaltet neben meinen Kopf zu legen. Er darf anrufen. Und ich möchte das auch. Was ich nicht möchte, sind SMS mit dem Grundtenor "ruf an, sonst ...". Denn das ist unfair und es ist schon vorgekommen.
Heute weiß ich, dass er die Nacht auch ohne meinen Anruf überstanden hätte - aber damals wusste ich es nicht. Der Druck unter solchen Umständen ist enorm. Zumal wir 50 km auseinander wohnen und ich kein Auto habe.
Und wenn ich mir nicht sicher bin, dass er nach einem Telefonat "übern Berg" ist, dann steht die Polizei bei ihm auf der Matte. Das weiß er. Das habe ich damals für mich ... äh ... uns entschieden.

Wenn ein Hilferuf dieser Art bei mir getätigt wird, dann muss mein Kumpel auch damit rechnen, dass ihn die Polizei in die geschlossene Abteilung bringt. Zu Profis, die die Zeit, die Geduld, die Erfahrung und auch die biochemischen Mittel haben, ihn aufzuhalten.

Es ist auch zu unterscheiden, ob es sich um eine "rationale" Entscheidung handelt, finde ich. Jemand der einen lethalen Tumor in sich trägt, den verstehe ich, wenn er sagt: nö. Chemo mach ich nicht mit. Und ehe es unterträglich wird, sehe ich zu, dass ...
Das ist übrigens eine Einstellung, von der ich weiß, dass sie in der Öffentlichkeit anerkannt ist. Körperliche Krankheit? Joah, klar. Wird verstanden.

Wo ist dann aber bitte der Unterschied zur psychischen Erkrankung? Suizidale Tendenzen werden zur Diagnose für unterschiedliche Krankheitsbilder herangezogen. Sprich: ein Suizident kann krank sein.
Da dann zu sagen: muss aufgehalten werden ... ich weiß es nicht.
Nicht, dass wir uns misverstehen: ich heiße es nicht gut, wenn man freiwillig aus dem Leben scheidet. Ich kann es jedoch nachvollziehen und möchte nicht darüber urteilen. Denn das steht mir nicht zu.

Wie du erkennen kannst, ob jemand gefährdet ist?
Das ist individuell.
Ich kenne Leute, die sagen, dass sie sich was antun und es dann auch durchführen. Ich kenne aber genausogut Leute, die dieses Thema dann vollkommen aus ihrem Wortschatz streichen - um sich nicht zu verraten.

Allgemein kann es aber ein Hinweis sein, wenn dein Gegenüber "in sich gekehrt" und "nachdenklich" wirkt. Wenn er unkonzentriert ist und dem Gespräch nicht folgen kann (denn dann ist er mit Sicherheit mit seinem Kopfkarussell beschäftigt ^^).
Eine allgemeingültige Regel gibt es dazu aber nicht.

Und Ärzte sind da auch eher ... ratlos. Sie können nur die Geschehnisse der letzten Monate interpretieren (Krisen abschätzen) und nachfragen.
Japp. Sie fragen ihre Patienten danach, ob sie suizidal sind.
Aber im Gegensatz zu Otto-Normal-Verbraucher sind sie darin geübt, Körpersprache zu lesen. Najaaaa ... halbwegs jedenfalls ^^
Und sie sind - sofern es um eine stationäre und/oder ambulante Behandlung in Gruppen geht - auf die Mitarbeit der Mitpatienten angewiesen.
Böse Zungen würden behaupten "petzen", wenn jemand entsprechende Andeutungen gemacht hat.
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  #146  
Alt 17.01.2013, 21:24
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Ich kenne das Problem mit der Verantworung und aus eigener Erfahrung kann ich folgendes sagen: vor etwa zehn Jahren wusste ich vom Verstand her, dass man für die Betroffenen keine Verantwortung übernehmen kann und auch nicht übernehmen darf. Aber damals war ich noch nicht in der Lage, diese Erkenntnis praktisch umzusetzen. Und das Gequatsche von meinen Kollegen, von wegen "Du musst Dich da halt distanzieren" hat mich nur aufgeregt. Das tut es auch heute noch, weil es dummes Zeug ist.
Es geht nicht darum, sich von einem Menschen zu distanzieren, sondern für sich selbst einen Weg zu finden, mit der Situation umzugehen. D.h. ich muss für mich eine Grenze ziehen, die dann auch von mir eingehalten wird - egal was passiert. Mittlerweile habe ich den Dreh mehr oder weniger heraus. Allerdings ist das nichts, was ich mir groß erarbeitet habe, sondern eher etwas (glaube ich), das sich im Laufe der Zeit von selbst entwickelt hat.

Dennoch ist und bleibt es jedes Mal eine Herausforderung. Wird man mit den Absichten eines anderen unmittelbar konfrontiert, muss man schon sehr abgebrüht (oder dämlich sein), um da nicht zumindest feuchte Hände zu bekommen ...
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  #147  
Alt 17.01.2013, 21:49
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Wenn ich mir das durchlese, komme ich mir so klein, jung, naiv und dumm vor, als wäre ich nur ein kleines, quengelndes Kind, das keinen Plan vom Leben hat. Also, nephtys: großen Respekt meinerseits, dein geschriebenes ist extrem aussagekräftig und treffend. Vielleicht passt das grade nicht ins Thema, aber es muss trotzdem mal gesagt werden: danke, du hast meinen Horizont um Meilen erweitert....

@ topic: ich schließe mich voll und ganz nephtys an!
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Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar
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  #148  
Alt 17.01.2013, 22:03
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Zitat:
Zitat von Cassandra Beitrag anzeigen
Es geht nicht darum, sich von einem Menschen zu distanzieren, sondern für sich selbst einen Weg zu finden, mit der Situation umzugehen.
Ja. Unbedingt.
Jemand hat mal gesagt: "ich bin ich und du bist du".
Dusseliger Satz. Aber er sagt ne Menge aus. Die Probleme des anderen sollte man schon ernst nehmen. Und ich glaube, es lässt sich nicht verhindern, dass man auch auf einer gewissen Ebene mitfühlt. Und es ist gut, dass es so ist. Denn nur so können wir sozial sein.
Aber wir dürfen nicht mit den Problemen des Gegenüber verschmelzen. Denn dann werden wir genauso subjektiv wie der Betroffene selbst. Und damit ist dann niemandem geholfen - ganz im Gegenteil.

Zitat:
Dennoch ist und bleibt es jedes Mal eine Herausforderung. Wird man mit den Absichten eines anderen unmittelbar konfrontiert, muss man schon sehr abgebrüht (oder dämlich sein), um da nicht zumindest feuchte Hände zu bekommen ...
Ja. Das kann ich gut verstehen


Zitat:
Zitat von Alice Beitrag anzeigen
Also, nephtys: großen Respekt meinerseits, dein geschriebenes ist extrem aussagekräftig und treffend. Vielleicht passt das grade nicht ins Thema, aber es muss trotzdem mal gesagt werden: danke, du hast meinen Horizont um Meilen erweitert....
Danke schön.

Auch wenn ich mich über jeden freue, der diesen Horizont nicht aus der eigenen Erfahrung heraus kennt
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  #149  
Alt 17.01.2013, 22:04
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Cassandra Cassandra ist offline
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Zitat:
Zitat von Alice Beitrag anzeigen
Wenn ich mir das durchlese, komme ich mir so klein, jung, naiv und dumm vor, als wäre ich nur ein kleines, quengelndes Kind, das keinen Plan vom Leben hat. Also, nephtys: großen Respekt meinerseits, dein geschriebenes ist extrem aussagekräftig und treffend. Vielleicht passt das grade nicht ins Thema, aber es muss trotzdem mal gesagt werden: danke, du hast meinen Horizont um Meilen erweitert....

@ topic: ich schließe mich voll und ganz nephtys an!

Ich finde, dass Dein Statement alles andere als dumm und naiv ist. Reife hängt nicht mit dem Alter oder der Menge an Erfahrung zusammen, die man im Laufe seines Lebens gemacht hat. Entscheidend ist vielmehr, inwieweit wir bereit sind aus unseren Erfahrungen (und denen anderer !!! ) zu lernen bzw. ob wir gewillt sind, stets aufs neue unseren Horizont zu erweitern.
Und wie gesagt: Dein Post zeugt von sehr viel Reife und Verständnis.
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  #150  
Alt 17.01.2013, 22:19
Benutzerbild von Alice
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Zitat:
Zitat von Cassandra Beitrag anzeigen
Ich finde, dass Dein Statement alles andere als dumm und naiv ist. Reife hängt nicht mit dem Alter oder der Menge an Erfahrung zusammen, die man im Laufe seines Lebens gemacht hat. Entscheidend ist vielmehr, inwieweit wir bereit sind aus unseren Erfahrungen (und denen anderer !!! ) zu lernen bzw. ob wir gewillt sind, stets aufs neue unseren Horizont zu erweitern.
Und wie gesagt: Dein Post zeugt von sehr viel Reife und Verständnis.
Danke, auch wenn ich mich immer noch so fühle, als wenn ihr mir alle um längen voraus seid... Aber nun ja, wir alle wachsen mit unseren Aufgaben, und ich habe noch viel Zeit zum wachsen- und erwachsen werden
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  #151  
Alt 18.01.2013, 07:04
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Ich glaube, den meisten ist gar nicht klar, wie Recht Nephthys mit ihrem Beitrag hat. Das kann ich alles nur unterschreiben.

Nur einen Teil noch zitiert (wird ggf. editiert), den ich gern ergänzen würde:

Zitat:
Zitat von Nephthys Beitrag anzeigen
Die ersten Schritte sind übrigens nicht der Suizid an sich. Der erste Schritt ist der Rückzug in sich selbst. Und das ist für Außenstehende nur dann offensichtlich, wenn sie genau darauf achten. Denn - Nichtbetroffene können es sich nicht vorstellen - mit der Intensität dieser Gedanken wird es immer wichtiger, den anderen eine heile Welt vorzugaukeln.
Das wurde ja bisher noch gar nicht erwähnt... woran man das überhaupt erkennt.
Bin selber nochmal in mich gegangen... wo fängt es bei mir an?

Definitiv Rückzug. Weniger gesprächig - und bemüht, Gespräche von Persönlichem wegzuhalten. Kurz angebunden Keine genaueren Angaben zur Gefühlslage. Ausweichen auch vor Kontakt, der normal eigentlich genossen wird. Vergesslich(er). Unausgeschlafen(er). Chaotisch(er). "Durch den Wind". Hinterher mit Aufgaben und Pflichten (da beschäftigt mit Gedankenkreisel oder Ablenkung). Abnehmende Neugierde, weniger wissbegierig, weniger offen. Wiederholtes Lesen von längst bekannten Büchern bzw. Schauen von längst bekannten Filmen - teils zig Male hintereinander. Unwillen vor Neuem. Wenig Geduld. Unkonzentriert. Unaufmerksam. Gleichgültig bei Dingen, die normalerweise als wichtig erachtet werden.

Und immer "Es geht mit gut".

Denke, vieles davon trifft ganz allgemein zu.
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Allein die Existenz von irgendetwas ist das größte Wunder; die Materie, die sich selber formt, das größte Geschenk; die Materie aber, die auf sich selbst herabblickt und denkt, das größte Paradoxon.

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Geändert von Bardin (18.01.2013 um 07:14 Uhr)
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  #152  
Alt 18.01.2013, 10:00
Benutzerbild von Nephthys
Nephthys Nephthys ist offline
Bewahrer des Friedens
 
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Hallo Bardin,

du hast absolut Recht.
Filme in Dauerschleife ... [Edith war hier]. Und das, ohne dass man sie wirklich mitbekommt. Man sollte meinen, dass man irgendwann die Dialoge rückwärts pfeiffen könnte. Aber dem ist nicht so, denn immer wieder schweifen die Gedanken ab.

Eines möchte ich noch ergänzen, einfach der Vollständigkeit halber:
Es kann auch sein, dass sich der Betroffene in die Arbeit vergräbt.
[Edith war hier]
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Geändert von Nephthys (18.01.2013 um 18:11 Uhr)
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  #153  
Alt 27.03.2016, 10:01
Benutzerbild von Formorian
Formorian Formorian ist offline
Dunkler Wanderer
Drachentoeter
 
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Beiträge: 1.157
Ich würde mein Leben niemals beenden, wenn ich wüsste dass ich einem anderen Menschen damit Leid zufügen würde.
Und erst recht nicht, wenn es irgendwo einen Menschen gäbe der sich darüber freuen täte.
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Die klügsten und kreativsten Menschen werden von den phantasielosesten Vollpfosten niedergeschossen.
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  #154  
Alt 27.03.2016, 15:53
Benutzerbild von Cassandra
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... oder die Gelegenheit nutzen würde, sich selbst als ultratrauernde, tragische Person in Szene zu setzen.
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  #155  
Alt 12.08.2018, 19:59
Mayvi Mayvi ist offline
Kobold
 
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Ich glaub an diesen Punkt sind viele Menschen schon angekommen ich ebenfalls. Doch ich finde es Egoistisch denn die Menschen die sich Umbringen hinterlassen ein Scherben Haufen an denen sich die Menschen verletzen die einen Lieben. Die Welt ist außerdem wirklich wunderschön, klingt abgedroschen aber wahr.
Helfen würde es glaub ich wirklich wenn man mal ganz ohne Technik einfach in die Wildnis gehen würde mal ganz alternative Leben und mal in sich Hinein horchen um zu sehen was denn tatsächlich Sache ist. Gibt Camps die so etwas anbieten doch die meisten finden ausreden nicht dort hinzugehen weil sie es blödsinnig finden. Ich denke das es sehr gut hilft..jedenfalls mir :)
__________________

[

Nicht alles, was Gold ist, funkelt,
Nicht jeder der wandert, verlorn,
Das Alte wird nicht verdunkelt
Noch Wurzeln der Tiefe erfrorn.
Aus Asche wird Feuer geschlagen,
Aus Schatten geht Licht hervor;
Heil wird geborstnes Schwert,
Und König, der die Krone verlor
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  #156  
Alt 31.01.2019, 13:59
Benutzerbild von Silmarillion
Silmarillion Silmarillion ist offline
Gandalf Sturmkrähe
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Sehr wichtig ist es, sich selbst anzunehmen und zu lieben. Mit all seinen Fehler, Macken und Schwächen. Und ja, dass kann Mann/Frau lernen.

Auch würde ich JEDEM Menschen, der sich am Anfang oder schon mitten in einer depressiven Verstimmung befindet, anraten professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, sich zu öffnen. Eine Depression ist nichts wofür man sich schämen müsste. Und je schneller man das verinnerlicht und bereit ist Hilfe in Anspruch zu nehmen umso schneller bekommt man sein Leben wieder in den Griff. Und nur darum geht es.

MFG!
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One Ring to rule them all, One Ring to find them, One Ring to bring them all and in this Community bind them. In the Land of Fantasy-Foren where the Magic of Fantasy lies.
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  #157  
Alt 31.01.2019, 14:11
Saphirwolf95 Saphirwolf95 ist offline
Hueter der Heilenden Quellen
 
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Beiträge: 639
Danke Gandalf. ^^
Du weißt ja schon, dass ich depressive Phasen habe und ich bin stolz, dass ich keine Selbstmordgedanken mehr habe und dass ich mich nicht mehr selbst verletze (ritze).
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  #158  
Alt 31.01.2019, 14:46
Benutzerbild von Alihadzi
Alihadzi Alihadzi ist gerade online
Goetterbote
 
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Zitat:
Zitat von Saphirwolf95 Beitrag anzeigen
Danke Gandalf. ^^
Du weißt ja schon, dass ich depressive Phasen habe und ich bin stolz, dass ich keine Selbstmordgedanken mehr habe und dass ich mich nicht mehr selbst verletze (ritze).
Bisher hatte ich nur ein einziges Mal eine depressive Phase (dem Himmel sei Dank) und ich weiß, wie sich das anfühlt. Bei mir glaube ich die Ursache zu kennen. Vor einigen Jahren wurde ich wegen Lungenentzündung und Schweinegrippe in der Klinik behandelt. Bis zu meiner Entlassung wurde ich täglich mit diversen Medikamenten und Antibiotika vollgepumpt. Und zu Hause kam dann der psychische Zusammenbruch. Meine Frau ist Heilpraktikerin und hatte mir damals erklärt, dass eine Überlastung der Leber zu Depressionen führen kann – und durch die vielen Medikamente war das in meiner Situation ziemlich eindeutig. Es gibt Methoden, die Belastung der Leber wieder zu reduzieren (»Leberreinigung«, Ernährung etc.). Auf diesem Weg war ich dann auch relativ schnell wieder aus meinem Tief. Vielleicht ist mein Weg eine Anregung mal darüber nachzudenken, ob eventuell eine ähnliche Belastung der Leber vorliegen könnte …
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"Logik wird dich von A nach B bringen, Phantasie wohin du willst"
Albert Einstein
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  #159  
Alt 31.01.2019, 14:51
Benutzerbild von _drachenkind
_drachenkind _drachenkind ist offline
4
Drachentoeter
 
Registriert seit: 01.2019
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Jeder hat das Recht, über das eigene Leben und somit auch den eigenen Tod zu entscheiden. Wir müssen in unseren Leben so einiges hinnehmen, was wir aus moralischen / ethischen / rechtlichen Gründen nicht ändern dürfen. Wobei all diese drei Kategorien selbstgemachte Grenzen sind.

Ich erinnere mal an einen gewissen Piloten, der einen vollbesetzten Linienflieger ins Gebirge gerammt hat (dieses Beispiel, um Politik außen vor zu lassen). Indiskutabel verkehrt (im Rahmen von Ethik / Moral).

Wäre er nun alleine im Flieger gewesen? Trotzdem verkehrt (rechtlich). Denn die Maschine gehört ja auch jemandem (Sachschaden, bzw. Totalschaden + "unsachgemäße Entsorgung" von Giftstoffen).

Hätte er sich "irgendwie" umgebracht, ohne andere mitzureißen oder materielle Schäden zu verursachen: Seine Entscheidung!

Wollen wir denn Menschen, die am Rauchen sterben, ganz lange hassen, weil sie geraucht und uns zurückgelassen haben? Wie egoistisch ist das denn :) Da wäre es "besser", sie zu hassen, weil sie Luft und Umwelt verpesten und anderen ihren Qualm aufzwingen und somit wirklich selbst schädlich egoistisch sind, ganz bewusst. Natürlich sind nicht nur manche Raucher so.

Was wäre, falls es nicht um psychische Ursachen ginge, sondern tatsächlich rein körperliche? Kerngesund heute, morgen schwerstbehinderter Pflegefall? Gefangen im eigenen Körper? KEINE (definitiv KEINE) Chance auf Heilung des Körpers, aber klarer Geist? Nicht jeder ist ein Stephen Hawking, der den Körper nicht braucht, um seinem Streben nachzukommen und zu tun, was er tun will.

Was wäre, falls man überzeugt ist, andere zu entlasten (Folge aus dem Beispiel Behinderung) ?

Es gibt doch so viele Facetten bei dem Thema :( Es auf "Mutig oder feige" zu reduzieren ist (meiner Meinung nach) fahrlässig. Aber auf jeden Fall ein toller Anstoß für spannende Diskussionen.

Meine Meinung zu Mut: Hast du Angst vor dem Tod oder nur davor, dass es wehtun könnte? Schmerzen lassen sich vermeiden. Und irgendwann ist die Grenze zwischen "Mut" und "Übermut / bescheuert" ganz schnell aufgelöst.

Davon abgesehen bedeutet Mut ja auch immer eine Form von Entscheidung / wählen. Es gibt Momente, da wählt man nicht. Shit happens. Wurde hier ja auch schon geschrieben: Kurzschlusshandlung und so. Aber darüber hinaus kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass ich mich schon in Situationen gefunden habe, die ich so nicht gewählt hätte. Man ist eben nicht allein auf dem Planeten und alles um einen herum verändert sich und kann Einfluss nehmen. Und dann ist da noch die fast anmaßende Idee, dass man sich selbst IMMER im Griff hat und zweifelsfrei durschaut. Es ist unwahrscheinlich, um das mal vorsichtig zu formulieren.

Feigheit: Schwierig.

Mein persönliches Fazit: Mutig oder Feige? Das ist sowas von egal in diesem Zusammenhang :) Am Ende zählt das Ergebnis.

Sorry für den langen Beitrag :/


edit:
Ich denke, Mut zeigt sich vor allem bei denen in der Umgebung. Hat man den Mut, zu jemandem zu halten, der Selbstmordgedanken hat? Hat man den Mut, zu konfrontieren? Hat man den Mut, sich selbst ein Stück weit zu gefährden (innerlich, gesellschaftlich, vielleicht gar körperlich), um zu helfen (nicht zu bestimmen) ? Und was machst du, wenn du weißt, dass der Selbstmord eines Anderen die einzige Chance auf dein eigenes Überleben ist?
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Geändert von _drachenkind (31.01.2019 um 15:00 Uhr)
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  #160  
Alt 31.01.2019, 21:22
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Skyline Skyline ist offline
Sylphe
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Beiträge: 3.412
Achtung langer Text! Wer nicht lesen will sei hiermit gewarnt!

Es ist jetzt schon ein paar Jahre her das sich mein Cousin entschlossen hat sein Leben selbst zu beenden.
Bei ihm wurde ein Glioblastom erkannt. Einer der bösartigsten Gehirntumore bei Erwachsenen.
Man kann ihn durch Operationen verkleinern. Aber er kommt immer wieder. Und da jede Operation am Gehirn schwerwiegende Folgen haben kann, muss man auch hier mit äußerster Vorsicht vorgehen um nicht die Zellen und Nerven zu zerstören.
Ich weiß noch wie alle in seiner engeren Familie gekämpft haben (ein Glioblastom ist nun mal einfach ein Todesurteil). Wie sein Vater nicht mehr arbeiten gegangen ist um immer bei ihm zu sein (wurde von seinem Arbeitgeber unterstützt).
So lief das ein halbes Jahr.
Es ging ihm immer mal wieder besser und dann wurde er operiert und der Tumor verkleinert.
Er kam 2 Wochen später aus dem Krankenhaus.
Bestrahlung sollte weiter gemacht werden und es sah alles sehr gut aus.

Er war immer...einer der fröhlichsten und lustigsten Menschen die ich kannte.
Der beste Kumpel von jedem in seinem Freundeskreis.
Ein sehr positiver Mensch.

Ein paar Wochen danach wurde er wieder untersucht, und wie es meistens ist...war das Glioblastom um das doppelte gewachsen, mit weiteren Metastasen.
Eine Operation war nicht mehr möglich, ohne schwerwiegende Verletzungen an seinem Gehirn zu verursachen.
Bestrahlung sollte ihn noch ein paar Monate durchbringen bis zu seinem Ende.

Die Wahl zwischen langsamen Dahinsiechen und dem Schnelleren...hat er nicht länger ertragen können.
Er hat 1 Jahr gekämpft. Er wollte nicht sabbernd im Rollstuhl oder liegend sterben. Er wollte nicht nichts mehr wahrnehmen, nicht erblinden und nicht sprechen können.
Einen Monat später ist er mitten in der Nacht von einem Krankenhaus-dach gesprungen. Und wurde am nächsten Morgen gefunden.

1 Tag vorher hat er noch so ziemlich alle Verwandten "abgeklappert".
Bei mir war er mit seinem Vater auf meiner Arbeit, haben mich besucht. Leider hatte ich keine Zeit und hab sie vertröstet. Im Nachhinein ein sehr seltsames Gefühl.

Sein Vater ist bis heute noch verzweifelt und wird selbst bis zu seinem Ende nicht loslassen können.
Für ihn der dem Sohn so viel geopfert hat, ist es immer noch nicht ganz verständlich, warum er es getan hat.
Meine Cousine, seine Schwester, die selbst in jungen Jahren an Darmkrebs erkrankt war (und ihn damals erstmal besiegen konnte) hat ihn verstanden und es ihm nie übel genommen.
Sie selbst kämpfte mittlerweile wieder mit einem neuen Krebs.
Brustkrebs. Sie blieb immer positiv, hat sich nie auch nur eine Schwäche anmerken lassen. Hat alle Operationen über sich ergehen lassen. Und ist jetzt erstmal wieder geheilt.
Und das alles zu einer Zeit, in der sie unbedingt ein Kind wollte...und das ist während Chemos nicht möglich.
Sie und ihr Freund haben es nach der Abwarte Zeit geschafft und eine kleine Tochter bekommen.
Und dann wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Arbeiten in einer Lackiererei. Schädliche Dämpfe.
Und da fragt man sich....Was...Schicksal...oder was ist es...

Beide sind sie wundervolle Eltern.
So unglaublich positiv. Und von ihnen hat noch keiner an Selbstmord gedacht.
Haben jetzt geheiratet. Falls irgendetwas passieren sollte, das die Kleine und der jeweilige Partner abgesicherter sind.
Die Kleine wurde schon vorsorglich untersucht, um festzustellen ob der Krebs auch bei ihr ausbrechen könnte. (bisher negativ)

Für meinen Onkel war es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich auf psychischer Ebene klar zu kommen. Er hat sich alles negative eingeredet, was den Rest der Familie (einschließlich seiner positiven Tochter) zu Verzweiflung getrieben hat.
Man hat ja Verständnis und Mitleid...aber 365 Tage im Jahr...schwierig.

Er denkt sehr oft darüber nach sich umzubringen...er redet zumindest häufig davon und bringt damit seine Mutter (meine Oma) und seine Schwester (meine Mutter), immer wieder in die Situation: Meint er es ernst, oder nervt er nur wieder damit rum.
Das geht jetzt seit mein Cousin sein Leben freiwillig beendet hat und das ist jetzt schon 7 Jahre her.

Vor Jahren schrieb ich hier schon einmal rein und bin immer noch der gleichen Meinung.
Es ist nicht falsch es ist nicht richtig.
Es ist nicht mutig es ist nicht feige.
Es ist nur traurig.
Für Alle.

Manche gehen besser mit ihren jeweiligen Lebenssituationen um als Andere.
Deshalb sollte man es nie wagen sich selbst darüber ein Urteil zu erlauben.

In meiner Jugend habe ich selbst sehr oft über "Sich das Leben nehmen" nachgedacht.
Heute schäme ich mich dafür, wenn ich an damals denke. Wie meine Gedanken waren.
Weil im Vergleich so viele Menschen wirklich leiden...und ich meine LEIDEN.
Und es keinen Ausweg gibt.
Dann gibt es Jene die für ihr Leben entscheiden Schluss zu machen und die, die weiter machen, weil es sonst für sie keinen anderen Sinn machen würde.
Und dann gibt es noch die, welche den Rest ihres Lebens damit verbringen, sich Gedanken darüber zu machen sich umzubringen.

Ich bedauere zutiefst das ich für so viele nicht Hilfreich sein kann.
Im Endeffekt geht es darum, das man einfach nur da sein soll.
Das Niemand allein sein muss.
Wir können uns nur begleiten im Leben.
Wo dieser Weg dann hin führt, ist einem selbst überlassen.
Aber füreinander da zu sein und versuchen das Lachen in die "Welt" zu bringen ist alles.
__________________
>>"Die Träume der Menschen können manchmal den Himmel erzittern lassen, vorrausgesetzt das sie sich gegenseitig ergänzen.
Aber wenn sich die Träume gegenseitig abstoßen, entsteht in den Herzen derer, die weiter daran festhalten Angst und Hass!"<<
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